International: Rojava

 

„Wie in Fatsa, nur viel größer!“

Einen beeindruckenden Reisebericht aus dem befreiten Rojava – dem syrischen Teil Kurdistans – stellte Nick Brauns am 8. November im DGB-Haus in Duisburg vor. In Rojava haben Volksräte die Macht übernommen.

Geographisch bildet West-Kurdistan (übersetzt Rojava) nur einen schmalen Streifen entlang der syrisch/türkischen Grenze bis zum Irak. Das Assad-Regime hatte sich aus dem Großteil der Region zurückgezogen, die von den kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG übernommen wurden.

Eine Revolution von Frauen

Mindestens 40 % der Delegierten sind Frauen. Die gewählten Spitzenfunktionen sind doppelt besetzt. Männer, die Frauen schlagen, werden vor die Räte zitiert und müssen anschließend einen Vertrag unterschreiben, keine Gewalt mehr gegen Frauen auszuüben. Die Frauen verfügen über eigene bewaffnete Einheiten. Auch die Reise der Delegation aus Deutschland wurde von Frauen geschützt.

Gleichberechtigte Minderheiten

Die Lage der Minderheiten hat sich sehr verbessert. Die Mehrheit der KurdInnen sind Sunniten. Konfessionen wie Alawiten, Christen und Jesiden werden als gleichberechtigt angesehen. Wie sie sind auch die turkmenischen, assyrischen und arabischen Minderheiten in den Selbstverwaltungsstrukturen vertreten. Ihre Dörfer verwalten sich völlig eigenständig.

Drohender Einmarsch der Türkei

Schwierig ist dagegen die militärische Lage. Die Türkei hat die Grenzstationen gesperrt und zugemauert, während über andere Übergänge der Nachschub für Dschihadisten der ISIS und der Al-Nusra-Front rollt. Die Unterstützung durch die irakischen Kurden Barsanis ist sehr begrenzt. Zwar hat die YPG überall die Dschihadisten der ISIS und Al Nusra-Front zurückschlagen können, ist aber sowohl von einem Einmarsch der türkischen Armee wie auch von einem Wiedererstarken der Militärdiktatur Assads bedroht.

Internationale Solidarität

Rojava ist die Kornkammer Syriens. Außerdem liegen dort die Ölvorkommen des Landes. Trotzdem braucht das Land Hilfe von außen. Nick berichtete, dass die Delegation aus Deutschland nur nach großen Schwierigkeiten über die irakische Grenze nach Rojava reisen konnte. Gefragt ist die internationale Solidarität, die in Geld, Medikamenten, Solarzellen usw. bestehen kann. Besonders wichtig ist aber die politische Unterstützung d.h. Rojava überall bekannt zu machen.

Perspektive für die arabische Revolution

Durch den Vortrag Nicks wurde klar: die großen Errungenschaften in Rojava betreffen nicht nur die KurdInnen. Sie bieten eine emanzipatorische, kulturelle, feministische und revolutionäre Perspektive für ganz Syrien und für alle Länder, in denen die arabische Revolution zwischen Dschihadisten und Militärs in eine Sackgasse geraten ist. Oder wie es eine Genossin in der Diskussion ausdrückte: „Rojava ist wie in Fatsa, nur viel größer!“ (in der türkischen Kleinstadt am Schwarzen Meer hatte 1979 der linke Bürgermeister Fikri Sönmez / Dev Genc eine Selbstverwaltung initiiert, die auf Volksräten und Einwohnerversammlungen beruhte. Entwicklungen wie in Fatsa waren ein Anlass für den Militärputsch 1980). Im Anschluss an die Veranstaltung bildete sich ein Solidaritätskomitee mit Rojava.

Korrespondent.